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Xandi
Xandi war ein sehr furchtsamer Junge.
Er fürchtete sich, allein in den dunklen Keller zu gehen.
Er fürchtete sich, durchs kalte Wasser zu schwimmen.
Er fürchtete sich, über Gräben zu springen.
Er fürchtete sich, auf Bäume zu klettern.
Am meisten fürchtete er sich vor dem Ungeheuer, das im Berg wohnte.
Die ganze Stadt wußte, daß das Ungeheuer im Berg war, aber niemand außer Xandi machte sich etwas
daraus, denn das Ungeheuer ließ sich nie blicken. Es schlief seit vielen Jahren. Man hörte es nur
manchmal schnarchen.CHRR CHRR CHRR CHRR CHRR
Deshalb taten die Leute recht mutig und sagten: "Es soll nur aufwachen, das Ungeheuer.
Mit dem werden wir leicht fertig."
Als das Ungeheuer eines Tages aber wirklich aufwachte, aus dem Berg herauskam - es war riesengroß - und in die Stadt stapfte TAPP TAPP TAPP, da vergaßen die Leute, wie mutig sie geredet hatten.
Da rissen sie vor ihm aus und versteckten sich.
Der furchtsame Xandi versteckte sich natürlich als erster. Er kroch in sein Bett und zog die Decke
fest über den Kopf. Seine Herz klopfte laut und wild: tocktocktocktock
Das Ungeheuer hörte das Tocken durch alle Mauern hindurch. Es schnüffelte umher, bis es das Haus
gefunden hatte, in dem das Herz so ängstlich klopfte.
TAPP TAPP TAPP tocktocktocktock
Es zwängte sich durch die Tür, tappte die Treppe hinauf, und dann entdeckte es den Xandi unter der Bettdecke.
"Komm raus!" brüllte es. "Wenn du dich vor mir versteckst, dann freß ich dich!"
Da schlug Xandi schnell die Bettdecke zurück. Böse blickte ihn das Ungeheuer an.
"Ich habe lange nichts gegessen". knurrte es. "Ich habe Lust auf Wein, Wurst und saure Gurken.
Schaff mir das sofort her, sonst freß ich dich!"
Der Xandi wußte, daß im Keller viele Weinflaschen waren und Büchsen mit Wurst und Gläser mit Gurken.
"Lieber in den dunklen Keller gehen, als gefressen werden", dachte er. Dann holte er tief Luft, stieg
in den Keller und brachte herauf, was das Ungeheuer verlangt hatte. Das Ungeheuer schluckte
alles gierig hinunter mitsamt Flaschen, Blechbüchsen und Gläsern. Als es fertig war, schüttelte
es sich, rülpste und sagte: "Komm mit!"
Es stapfte die Treppe hinab, zum Haus hinaus, durch die menschenleeren Straßen TAPP TAPP TAPP
und Xandi hinterher mit ängstlich klopfenden Herzen tocktocktocktock.
Vor dem Fluß hielt das Ungeheuer an. "Ich brauche ein Bad", sagte es und stürzte sich kopfüber ins Wasser. Es planschte, prustete und befahl: "Schwimm hinter mir her!"
Xandi wollte ausreißen, aber das Ungeheuer schrie: "Halt! Du sollst schwimmen, sonst freß ich dich!"
Da entschied Xandi: "Lieber ins kalte Wasser gehen, als gefressen werden:"
Und so schwamm er hinter dem Ungeheuer her quer durch den Fluß... und zurück.
Als sie wieder am Ufer waren, erklärte das Ungeheuer: "Jetzt muß ich mich bewegen, damit ich warm werde. Los mach mit!"
Und es hopste mit mächtigen Sprüngen über eine Graben, immer herüber und hinüber. Aber Xandi wehrte sich. Er wollte nicht springen.
Da wurde das Ungeheuer wütend. Es schnaubte: "Spring, sonst freß ich dich!"
"Wenn's sein muß", dachte Xandi. "Lieber über den Graben springen, als gefressen werden.
Er nahm einen Anlauf, sprang und war drüben. Dann hüpften alle beide so lange hin und her,
bis das Ungeheuer außer Atem war.
Obwohl es noch sehr schnaufte vom Springen, überlegte es sich schon wieder, mit was es Xandi
Angst machen könnte.
"Paß auf!" schrie es. "Jetzt kommt was Neues."
Aber Xandi spürte mit einem Mal, daß sein Herz nicht mehr so wild klopfte. Er trat vor und rief:
"Du hast genug bestimmt. Jetzt bin ich dran!"
Er suchte einen hohen Baum aus und kletterte- erst vorsichtig, dann immer geschickter- bis in den
Wipfel hinauf. "Los!" befahl er dem Ungeheuer. "Klettere mir nach!"
Das Ungeheuer lachte gewaltig. "Dir werde ich's zeigen!" Es rannte gegen den Baum und schüttelte ihn,
daß sich die Äste bogen. Aber Xandi hatte Mut bekommen. Hoch oben im Wipfel hielt er sich mit
aller Kraft fest und rief: "Komm rauf, sonst freß ich dich!"
Das Ungeheuer brüllte noch einmal. "Dir werde ich's zeigen!" Dann sprang es auf den Baum und
stieg von Ast zu Ast, höher und höher.
Aber da- als es den Xandi fast erreicht hatte- knackte es. Die Zweige krachten und barsten,
und das Ungeheuer plumpste auf den Boden. Plums-platsch-blamm!
Sein dicker Kopf tat ihm weh, sein Bauch tat ihm weh, die Beine taten ihm weh, und es sah nicht
mehr aus, wie ein gefährliches Ungeheuer. Beschämt schlich es in seinen Berg zurück,
kroch tief hinein und legte sich schlafen.
Als es verschwunden war, wagten sich die Menschen wieder aus ihren Häusern, und bald ging
das Leben in der Stadt weiter wie immer. Und wenn man das Ungeheuer im Berg schnarchen hörte,
blickten sich die Leute an und flüsterten: "Es wird doch nicht wieder herauskommen?"
Da lachte Xandi und sagte: "Das weiß man bei einem Ungeheuer nie genau."
Helga Zitzelsperger
*** ENDE ***
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